Ist jeder Christ ein Missionar?

Es ist traurig, festzustellen, wie viele evangelikale Christen Begriffe wie Mission oder Evangelisation missbrauchen können. Denken wir zum Beispiel an die ARD-Sendung Panorama vom 08.10.2009, die ein schlechtes Licht auf die die christliche Organisation Jugend mit einer Mission geworfen hat. Was dabei bedauerlich ist, ist nicht die Radikalisierung des Missionsgedanken (leider war der Bericht sehr unsachlich), sondern die Behauptung, dass junge unerfahrene Christen vollwertige Missionare oder Evangelisten sein können.

Das Amt des Evangelisten

Bei den meisten Evangelikalen ist der Gedanke fest verankert, dass Evangelisation darin besteht, Licht und Salz zu sein oder den eigenen Glauben im Sinne von 1 Petrus 3,15 zu verteidigen:

Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist,

Die Bibel belegt hingegen an manchen Stellen, dass ein Evangelist ein offizielles Amt besitzt (was auch eine Berufung voraussetzt). Darüber hinaus soll er diesen Auftrag so ernst nehmen, dass er sich theologisch aus- oder weiterbilden lassen soll und nicht nur gelegentlich in diesem Amt auftreten kann. Jeder Pastor sollte übrigens auch von der Kanzel evangelisieren, da sich oft Menschen in einer Gemeinde befinden, die nicht errettet sind.

Sogar renommierte reformierte Prediger verkünden, dass jeder Christ ein Missionar sei. Das Kommentar der Genfer Bibel von R.C. Sproul zum hohenpriesterlichen Gebet hinterlässt z.B. den Eindruck, dass jeder Christ von Jesus ausdrücklich „entsendet“ wird, während Christus in diesem Teil sich nur an seine Jünger wendet. Nicht dass diese Theologen Unrecht hätten, aber dabei wird nicht genug betont, dass wir mit zwei unterschiedlichen Kategorien von Missionaren zu tun haben: diejenige, die ein Amt besitzen, wie hier Timotheus:

Fahre fort mit Vorlesen, mit Ermahnen, mit Lehren, bis ich komme. Lass nicht außer Acht die Gabe in dir, die dir gegeben ist durch Weissagung mit Handauflegung der Ältesten.  Dies lass deine Sorge sein, damit gehe um, damit dein Fortschreiten allen offenbar werde.  Hab Acht auf dich selbst und auf die Lehre; beharre in diesen Stücken! Denn wenn du das tust, wirst du dich selbst retten und die, die dich hören.
1 Tim. 4, 13-16

und die andere, die Jesu Zeugen im Sinne von 1 Petrus 2,9 sind:

Ihr aber seid das auserwählte Geschlecht, die königliche Priesterschaft, das heilige Volk, das Volk des Eigentums, dass ihr verkündigen sollt die Wohltaten dessen, der euch berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht;

Jeder Hobby-Mechaniker wird wohl erkennen, dass er sich an eine professionelle Werkstatt wenden soll, wenn es darum geht, eine kaputte Kurbelwelle in seinem Auto ersetzen zu lassen. Warum sollte es bei einer so wichtigen Sache wie die Verkündigung des Evangeliums anders sein?

Was bedeutet Evangelisation heute?

Zunächst müssen wir den „ultra-calvinistischen“ Gedanken verwerfen, dass die Apostel die Welt bereits evangelisiert hätten. Mit Sicherheit war das Apostelamt ein grundlegendes Amt (Epheser 2,20), und in diesem Sinne gibt es heute keine Apostel oder Evangelisten mehr (Epheser 4,11). Das Apostelamt (mit seinen Vorrechten und außergewöhnliche Geistesgaben) lässt sich auch nicht eins zu eins auf heute übertragen. Nichtsdestotrotz wurde der Missionsbefehl von Matthäus 28 mit den Aposteln nicht vollständig erfüllt und im gewissen Sinne gibt es eine apostolische Kontinuität, bis Jesus wiederkommt. Wir können nicht einfach für die heutige Zeit das Lehren und das Taufen gelten lassen und das Evangelisieren auf die apostolische Zeit beschränken.
Dabei zeigt uns die Schrift, dass damals wie heute die Kirche den Auftrag empfangen hat, „berufene“ Missionare zu entsenden (Apg. 13,2-4), um neue Gemeinden zu gründen oder zu unterstützen (3Joh. 5-8). Es wäre verkehrt zu denken, dass Evangelisation nur von der Kanzel bestehender Gemeinden erfolgt, was leider einige Reformatoren damals vertreten haben.

Dass bestimmte Menschen ein anerkanntes Amt als Missionar haben, impliziert auch nicht, dass sie die Exklusivität der Funktion besitzen. Wichtig ist, dass wir immer den Unterschied zwischen Amt und Tätigkeit im Auge behalten. In dem richtigen Rahmen einer Gemeindearbeit können wohl „Laien“ einen „Missionseinsatz“ absolvieren und dabei sehr hilfreich sein.
Das gleiche sehen wir auch im Bereich der Diakonie. Dass ein anerkanntes diakonisches Amt existiert (und laut der Schrift Frauen vorenthalten ist) hindert nicht Paulus daran, Phoebe als eine ehrbare „Diakonin“ zu empfehlen (Röm. 16,1). Ebenso kann auch Paulus behaupten, dass Prisca (neben Aquilas) dem Apollos das Evangelium „erläutert“ hat (Apostelgeschichte 18,26).

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