Wird ganz Israel errettet?

Es wird den Reformierten vorgeworfen, sie würden in Bezug auf Israel eine Substitutionstheologie vertreten. Dieser Begriff bedeutet, dass das von Gott erwählte Volk Israel durch die Kirche ersetzt (substituiert) worden ist. So wäre die Kirche das neue Israel und hätte alle Verheißungen an Israel geerbt. Die Israeliten hätten in diesem Zusammenhang nur eine Zukunft innerhalb der Kirche.

Diese Behauptung entspricht aber nicht der Wahrheit; die von den Reformierten vertretene Bundestheologie sieht nicht vor, dass das neue sichtbare Reich der Kirche (so wie die Katholiken es verstehen) das alte irdische Reich Israels ersetzt hätte. Sie sieht eher eine verborgene Kontinuität zwischen dem Gnadenbund im Alten Testament und im Neuen Testament, in dem sich die Verheißungen an das Volk Israel wohl erfüllen können. Sie unterstützt auch keine Parallelität zwischen Israel und der Gemeinde Jesu im Neuen Bund wie im Dispensationalismus. Die Verheißungen des Alten Testaments finden nur in Jesus Christus ihre Erfüllung, und diese Verheißungen haben bereits angefangen, sich zu erfüllen.

Das vielleicht plausibelste Beispiel um diese Auffassung zu verdeutlichen ist das Bild des Ölbaums in Römer 11.

Wenn aber nun einige von den Zweigen ausgebrochen wurden und du, der du ein wilder Ölzweig warst, in den Ölbaum eingepfropft worden bist und  Anteil bekommen hast an der Wurzel und dem Saft des Ölbaums, so rühme dich nicht gegenüber den Zweigen. Rühmst du dich aber, so sollst du wissen, dass nicht du die Wurzel trägst, sondern die Wurzel trägt dich. Nun sprichst du: Die Zweige sind ausgebrochen worden, damit ich eingepfropft würde. Ganz recht! Sie wurden ausgebrochen um ihres Unglaubens willen; du aber stehst fest durch den Glauben. Sei nicht stolz, sondern fürchte dich! Hat Gott die natürlichen Zweige nicht verschont, wird er dich doch wohl auch nicht verschonen. Darum sieh die Güte und den Ernst Gottes: den Ernst gegenüber denen, die gefallen sind, die Güte Gottes aber dir gegenüber, sofern du bei seiner Güte bleibst; sonst wirst du auch abgehauen werden. Jene aber, sofern sie nicht im Unglauben bleiben, werden eingepfropft werden; denn Gott kann sie wieder einpfropfen. Denn wenn du aus dem Ölbaum, der von Natur wild war, abgehauen und wider die Natur in den edlen Ölbaum eingepfropft worden bist, wie viel mehr werden die natürlichen Zweige wieder eingepfropft werden in ihren eigenen Ölbaum.

In diesem Bild sehen wir ganz klar, dass die Wurzeln und der Baumstamm Israel darstellen. Die gläubigen Heiden werden dort eingepfropft, nachdem einige Äste ausgebrochen wurden. Denn die Juden, die keinen Glauben an den Messias zeigen, dürfen in dem Bund nicht bleiben. Es wird auch damit eindeutig gezeigt, dass nicht alle Israeliten zu Israel gehören (Römer 9, 6). Diese Wahrheit unterstreicht auch Paulus in Römer 2, 28-29:

Denn nicht der ist ein Jude, der es äußerlich ist, auch ist nicht das die Beschneidung, die äußerlich am Fleisch geschieht; sondern der ist ein Jude, der es inwendig verborgen ist, und das ist die Beschneidung des Herzens, die im Geist und nicht im Buchstaben geschieht.

Wenn wir Paulus richtig verstehen, dann heißt es auch, dass ein gläubiger Heide, der die Beschneidung des Herzens erfahren hat, auch ein wahrer Israelit ist. Dazu meinen einige, dass Paulus nur die messianischen Juden im Kopf hat. Das stimmt aber nicht, denn sonst würde er nicht im Vers 26 sagen: Wenn nun der Unbeschnittene hält, was nach dem Gesetz recht ist, meinst du nicht, dass dann der Unbeschnittene vor Gott als Beschnittener gilt?

Von dem Ölbaum wird nicht gesagt, dass er die Kirche darstellt, sondern eher Israel. Aber es wird auch behauptet, dass Heiden durch den Glauben zu diesem Ölbaum gehören können. Anders gesagt: Israel trägt die gläubigen Heiden und nicht umgekehrt. Eine aus in der Mehrheit Gläubigen nicht jüdischer Herkunft zusammengesetzte Gemeinde sollte nicht denken, dass sie der Ölbaum geworden ist. Aber wir sehen auch durch dieses Bild, dass geistliches Israel und wahre Gemeinde austauschbare Begriffe sind. Interessant ist auch in 1 Korinther 10 die Parallele zwischen der sichtbaren Gemeinde und dem Volk Israel in der Wüste.

Paulus meint aber, dass in den letzten Tage die Juden sich zu dem Messias bekehren werden. In Römer 11, 25-27 lesen wir:

(25) Ich will euch, liebe Brüder, dieses Geheimnis nicht verhehlen, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet: Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, so lange bis die Fülle der Heiden zum Heil gelangt ist; (26) und so wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht (Jesaja 59,20; Jeremia 31,33): »Es wird kommen aus Zion der Erlöser, der abwenden wird alle Gottlosigkeit von Jakob. (27) Und dies ist mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde.«

Jetzt gibt‘ s aber Reformierte, die von dem Vers 26 sagen, es bezieht sich auf die Gesamtheit des Volkes Gottes (also wie der Ölbaum am Ende des Heilsgeschichte aussieht). Sie verstehen das Bindewort „und so“ als: auf dieser Art. Man könnte auch übersetzen wie die „Gute Nachricht“: wenn das geschehen ist. Es würde dann für eine massive Bekehrung des Volkes Israel sprechen.

Eine letzte Frage wollen wir noch beantworten: ist die Gründung des Staates Israels die Erfüllung von den messianischen Prophetien? Wenn das so wäre, dann hätten die Israeliten gleichzeitig den Messias erkannt, denn die Wiederherstellung des Volkes kann nur geschehen, wenn das Volk sich wieder zu seinem Gott bekehrt. Unsere Meinung ist, dass diese Prophetie sich nur geistlich erfüllen kann; kein irdisches Erbe wird heute den Menschen versprochen, die an Jesus Christus glauben. Also, welche Bedeutung hat der neu gegründete Staat Israel in der Heilsgeschichte? Es ist schwer zu sagen; er könnte dennoch eine Rolle spielen, was die vorher erwähnte Bekehrung der Juden in der Endzeit angeht, denn es ist erstaunlich zu sehen, wie schnell die messianischen Gemeinden zur Zeit in Israel wachsen.

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