Bibeltreue und Irrtumslosigkeit der Schrift

In der Debatte um die Irrtumslosigkeit der Bibel wird von einigen evangelikalen Theologen versucht, eine neue Definition zur Bibeltreue zu formulieren. So behauptet zum Beispiel Gerhard Hörster, langjähriger Rektor am Theologischen Seminar des Bundes Freier Evangelischer Gemeinden, dass es in der Bibel um die Beziehung zu dem lebendigen Gott geht und nicht um sachliche Richtigkeiten (Vgl. Markenzeichen „bibeltreu“. Die Bibel richtig verstehen, auslegen, anwenden. Brunnen, 1990). Damit ist klar, dass da wo man keine sachliche Richtigkeit findet, Gottes Wort auch nicht zu finden ist

Für diese Theologen (G. Hörster, Heinzpeter Hempelmann und andere) ist man nicht bibeltreu, wenn man an der Unfehlbarkeit der Bibel glaubt, sondern wenn man die Bibel gleichzeitig als Gottes Wort und Menschenwort betrachtet. Dabei wird ein Vergleich mit der Person Christi gemacht: Jesus vereinigte in seiner Person 2 Naturen: die göttliche und die menschliche. So soll man auch das Wort Gottes sehen: es ist göttlich, aber auch gleichzeitig menschlich. Da leider Menschen irren können, kann deshalb auch die Bibel ab und zu Fehler enthalten. Dass Gott die Schreiber der Bibel davor bewahrt hat, Fehler zu machen, wird aber nicht geglaubt. Offensichtlich machen diese Theologen in ihrem Vergleich einen ähnlichen Fehler wie Nestorius, der im Jahr 451 beim Konzil von Chalkedon verurteilt wurde, weil er die göttliche von der menschlichen Natur Christi zu stark trennte. Hier wird zu sehr unterschieden zwischen Gottes Wort und Menschenwort in der Heiligen Schrift.

Diese Art von Argumentation ist nicht neu: sie wurde bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts von Karl Barth verwendet, um den liberalen Theologen Paroli zu bieten. Die liberalen Theologen sahen in der Bibel nur menschliches Gut. Das erlaubte ihnen, die Bibel ihrer schonungslosen Kritik zu unterziehen. Barth betont, dass die Bibel Gottes Wort enthält und sich deshalb unserem Urteil entzieht. Gleichzeitig sieht er auch in der Schrift menschliche Worte. Die Schrift kann deshalb Fehler enthalten, da wo sie nicht Gottes Wort enthält.

Wie soll man das verstehen? Das ist durch die dialektische und existentialistische Theologie von Barth möglich:

  • Gott ist vollkommen und unbegrenzt
  • Der Mensch ist begrenzt; seine Vernunft und seine Worte ebenfalls
  • Gott spricht zu uns auf der Ebene des Nicht-Rationalen

Die Konsequenz dieser Theologie ist verheerend, denn wenn Gott keine klare Botschaft vermitteln kann, weil der Mensch nicht dazu fähig ist, sie richtig zu empfangen, dann besitzt die Bibel letztendlich keine echte Autorität mehr. Lasst uns sehen, warum man diese Theologie nicht akzeptieren kann:

  • Barth und seine Nachfolger sind der Ansicht, dass die menschliche Sprache ungeeignet ist, das Wort Gottes zu vermitteln. Wir müssen dennoch annehmen, dass falls die Sprache von Gott geschaffen wurde, sie wohl geeignet ist, eine Kommunikation mit Gott zu ermöglichen. Das erste Kapitel der Bibel betont ganz klar, dass der Mensch mit Gott kommunizieren konnte, weil er als sein Ebenbild geschaffen wurde. Zu der Ebenbildlichkeit gehört meiner Ansicht nach die Fähigkeit zu kommunizieren. Dass wir mit unserer Sprache Gott nicht vollkommen beschreiben können, hat mit der Größe Gottes zu tun. Aber Gott kann durch die Sprache mit uns klar kommunizieren, genauso wie Er in Jesus leibhaftig werden konnte.
  • In der Bibel besteht kein Unterschied zwischen dem prophetischen Zeugnis und dem Wort Gottes. Das, was die Propheten behaupten, ist Gottes Wort und nicht was sie davon verstanden haben. Um diese Wahrheit zu betonen, leiten sie ihre Botschaft mit folgenden Worten ein: so spricht der Herr (5 Mose 18, 15-20; Jeremia 1, 9-10). Die Propheten des Alten Testaments haben mit der gleichen Autorität gesprochen wie Jesus Christus; Gott hat durch sie gesprochen (Hebräer 1, 1-2). Der einzige Unterschied ist, dass die Worte Jesu (sowie die Überlieferungen seiner Apostel) das Schlusslicht der Prophetie sind. Heute hat ein Pfarrer oder ein Prediger nicht mehr diese Autorität. Ansonsten besteht kein qualitativer Unterschied zwischen seinen Worten und den Worten der alttestamentichen Propheten. Jesus betrachtete das Alte Testament als Wort Gottes (Markus 7, 6-13). Er verstand seine eigenen Worte als das Wort Gottes (Johannes 17, 8) und seine Jünger sollten mit seiner Autorität (Lukas 10, 16) und der des Heiligen Geistes sprechen (Apostelgeschichte 15, 28).
  • Der griechische Ausdruck aus 2 Tim 3, 16 pasa graph theopneustos bedeutet „Jede Schrift ist von Gott gehaucht“. Es ist, als ob Gott selbst diese Worte ausgesprochen hätte.

Was kann man nun auf den Vorwurf antworten, die Bibel würde Widersprüche enthalten? Es würde den Rahmen dieses Artikels sprengen, alle diese Stellen anschauen. In den meisten Fällen gibt es dazu eine plausible Erklärung. Ein treffendes Beispiel zum Schluss des Artikel XIV der Chicago-Erklärung zur Irrtumslosigkeit und Inspiration der Bibel:

Wir bekennen die Einheit und innere Übereinstimmung der Bibel.
Wir verwerfen die Auffassung, dass angebliche Fehler und Widersprüche, die bis jetzt noch nicht gelöst worden sind, den Wahrheitsanspruch der Bibel hinfällig machen.

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