Völlige Verderbtheit

Die Lehre der völligen Verderbtheit des Menschen gehört zu den sogenannten Gnadenlehren oder 5 Punkten des Calvinismus. Gemäß dieser Lehre ist die Natur, die der Mensch von Adam geerbt hat, in allen ihren Bestandteilen verdorben. Leib, Verstand, Seele, aber auch der Wille des Menschen befinden sich nicht mehr in dem Zustand, den sie vor dem Sündenfall hatten. Viele Christen vertreten zwar die Meinung, dass der Mensch nach Adams Fall eine sündhafte Natur geerbt hat; nicht alle würden jedoch zustimmen, dass diese Natur völlig verdorben ist.

Bevor wir uns mit dem Wahrheitsgrad dieser Aussage befassen, müssen wir zunächst klären, was genau mit völliger Verderbtheit gemeint ist. Wenn behauptet wird, dass der Mensch gänzlich verdorben ist, bedeutet dies natürlich nicht, dass er gar keine Fähigkeit mehr hätte, etwas Gutes zu tun. Es heißt vielmehr, dass es keinen Teil seiner Person gibt, der nicht von der Sünde beeinträchtigt wurde.

Arminianer behaupten dagegen, dass der Wille des Menschen unangetastet blieb, frei sozusagen. Dieser Unterschied ist für sie wichtig, denn wäre der Wille des Menschen nicht mehr frei, könnte der Mensch nicht mehr für seine Sünde verantwortlich gemacht werden. Er wäre sozusagen zur Sünde vorprogrammiert.

Calvinisten erwidern, dass der Wille des Menschen so sehr von der Sünde geprägt ist, dass der Mensch nicht mehr nach Gott sucht und nicht mehr auf seine Angebote antworten will. Es ist nicht, dass er es nicht könnte; er will einfach nicht.

Anderer wichtiger Punkt: Wenn die Bibel sagt, dass der Mensch tot in seiner Sünde ist, meint sie nicht nur, dass der Mensch aufgrund seiner bösen Werke unter dem Zorn Gottes steht, sondern auch, dass er regungslos geworden ist. Er muss deshalb „geistlich“ erweckt, wiedergeboren werden, bevor er auf Gott antworten kann.

Biblische Argumente für diese Lehre

Der Prophet Jesaja bemerkt in Kapitel 64, Vers 6, dass niemand mehr unter dem Volk Gott sucht und das, weil Gott sich zurückgezogen:

Niemand ruft deinen Namen an oder macht sich auf, dass er sich an dich halte; denn du hast dein Angesicht vor uns verborgen und lässt uns vergehen unter der Gewalt unsrer Schuld.

Weiter in Jesaja 66,4 wirft der Herr seinem Volk vor, ihn ignoriert und das Böse gesucht zu haben, obwohl Gott sich oft offenbart hat:

Denn ich rief und niemand antwortete, ich redete und sie hörten nicht und taten, was mir nicht gefiel, und hatten ihre Lust an dem, woran ich kein Wohlgefallen hatte.

Eine solches Desinteresse für Gott entspricht der menschlichen Natur von der Geburt an, wie Jeremia bemerkt:

Kann etwa ein Mohr seine Haut wandeln oder ein Panther seine Flecken? So wenig könnt auch ihr Gutes tun, die ihr ans Böse gewöhnt seid. Jeremia 13,23

Jemand könnte erwidern, dass diese Feststellung dem damaligen Geschlecht galt. Sie soll aber nicht unbedingt allen Menschen gelten.

Wenn Jesus aber von der Verlorenheit der Menschen spricht, betont er, dass die Menschen den Geist Gottes nicht empfangen können, weil sie geistlich blind sind. Nicht nur ein Teil hat mit diesem Problem zu kämpfen, sondern alle:

…den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, denn sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht. Johannes 14,17

Paulus wiederholt diesen Gedanken in 1 Korinther 2,14:

Der natürliche Mensch aber vernimmt nichts vom Geist Gottes; es ist ihm eine Torheit und er kann es nicht erkennen; denn es muss geistlich beurteilt werden.

Derselbe Apostel zitiert auch in seinem Brief an die Römer den Psalm 14 und malt ein trauriges Bild der Menschheit:

Da ist keiner, der verständig ist; da ist keiner, der nach Gott fragt. Sie sind alle abgewichen und allesamt verdorben. Da ist keiner, der Gutes tut, auch nicht einer. Römer 3,11-12

Wegen der Sünde vermag kein Mensch Gottes Ansprüchen gerecht zu werden:

Denn fleischlich gesinnt sein ist Feindschaft gegen Gott, weil das Fleisch dem Gesetz Gottes nicht untertan ist; denn es vermag’s auch nicht. Römer 8,7

Paulus geht noch weiter und spricht in Epheser 2,5-6 von einem geistlichen Tod bei dem Menschen:

… da wir tot waren in den Sünden… er hat uns auferweckt.

Bevor der Mensch Gott suchen kann, muss er auferweckt werden. Möglicherweise hat Paulus die Prophetie der Totengebeine von Hesekiel 37 im Sinne:

Weissage zum Odem; weissage, du Menschenkind, und sprich zum Odem: So spricht Gott der HERR: Odem, komm herzu von den vier Winden und blase diese Getöteten an, dass sie wieder lebendig werden! Hesekiel 37,9

Problematische Stellen

Gegen diese Lehre versuchen Arminianer zu beweisen, dass der Mensch doch nicht ganz verdorben ist, weil er:

  • noch moralische Werte besitzt;
  • vernünftig denken kann, wenn es in seinem Interesse liegt;
  • eine freie Entscheidung für oder gegen Gott treffen kann.

Paulus macht im Römerbrief deutlich, dass die Heiden wohl erkennen, was Gottes Wille ist, ihn niederhalten und gerade deshalb kann sie Gott zur Verantwortung ziehen:

Denn Gottes Zorn wird vom Himmel her offenbart über alles gottlose Wesen und alle Ungerechtigkeit der Menschen, die die Wahrheit durch Ungerechtigkeit niederhalten. Denn was man von Gott erkennen kann, ist unter ihnen offenbar; denn Gott hat es ihnen offenbart. Römer 1,18-19

Weiter in Kapitel 2 betont Paulus, dass Gottes Gebote im Herzen der Menschen geschrieben sind:

Denn wenn Heiden, die das Gesetz nicht haben, doch von Natur tun, was das Gesetz fordert, so sind sie, obwohl sie das Gesetz nicht haben, sich selbst Gesetz. Sie beweisen damit, dass in ihr Herz geschrieben ist, was das Gesetz fordert, zumal ihr Gewissen es ihnen bezeugt, dazu auch die Gedanken, die einander anklagen oder auch entschuldigen – an dem Tag, an dem Gott das Verborgene der Menschen durch Christus Jesus richten wird, wie es mein Evangelium bezeugt. Römer 2,14-16

Wenn der Mensch tatsächlich unfähig wäre, Gottes Willen zu tun, warum würde Gott es von ihm verlangen? Gott kann nicht etwas wollen, was der Mensch nicht vermag, sonst wäre Gott ungerecht.

Lesen wir nicht in Jeremia 4 folgende Aufforderungen:

Willst du dich, Israel, bekehren, spricht der HERR, so kehre dich zu mir! … Beschneidet euch für den HERRN und tut weg die Vorhaut eures Herzens, ihr Männer von Juda und ihr Leute von Jerusalem…So wasche nun, Jerusalem, dein Herz von der Bosheit, auf dass dir geholfen werde. Jeremia 4, 1+4+14

Diese Aussage lässt tatsächlich vermuten, dass der Mensch sich bewegen und Buße tun kann, bevor Gott ihm helfen kann.

Wie lassen sich diese Verse mit der Lehre der völligen Verderbtheit vereinbaren?

Die Tatsache, dass der Mensch Gottes Existenz und dessen Willen wahrnehmen kann, spricht keineswegs dafür, dass der Mensch tatsächlich in der Lage ist, sich zu Gott zu bekehren. Die Verse von Römer 1 und 2 beweisen nur, dass der Mensch willentlich gegen Gott sündigt und deshalb für seine Rebellion voll verantwortlich ist. Im Kapitel 3 argumentiert Paulus so, dass er dem Menschen die Willensfreiheit nicht gönnt, weil der Mensch, obwohl er weiß, dass Gott ihn liebt und für ihn das Beste will, völlig unverständig reagiert und nicht nach Gott fragt. In gewissem Sinne ist der Mensch frei, aber diese Freiheit gebraucht er, um seine Begierde zu befriedigen.

Wenn Gott durch Jeremia den Menschen zur Umkehr auffordert, redet er so, um seine Vergebungsbereitschaft unter Beweis zu stellen. Gott ist gnädig und deshalb will er die Menschen warnen. Weiter, in Vers 20, fügt Gott hinzu:

Aber mein Volk ist toll und glaubt mir nicht. Töricht sind sie und achten’s nicht; weise sind sie genug, Übles zu tun, aber recht tun wollen sie nicht lernen.

Hier wird auf das wahre Problem hingewiesen: der Mensch will nicht lernen, was recht ist, weil seine Natur verdorben ist.

Gibt es keine Ausnahmen? Gibt es keine Menschen, die anders gesinnt sind? Wie sollen wir verstehen, was in der Apostelgeschichte über den Hauptmann Kornelius berichtet wird? Was sagt der Engel zu ihm?

Deine Gebete und deine Almosen sind vor Gott gekommen und er hat ihrer gedacht. Apostelgeschichte 10,4

Da Gottes Wort keine Widersprüche enthält und eine Rechtfertigung durch Werke ausgeschlossen ist, müssen wir annehmen, dass Gott in ihm das Gute gewirkt haben muss. Obwohl Kornelius das Evangelium noch nicht gehört hatte, hatte der Heilige Geist bereits sein Herz vorbereitet. Als er die Frohe Botschaft von Jesus durch Paulus gehört hat, hat er sie von Herzen angenommen.

Wir finden mindestens eine Bibelstelle, die eindeutig belegt, dass ein Mensch den Heiligen Geist schon im Bauch seiner Mutter haben kann. Von Johannes den Täufer wird gesagt:

Denn er wird groß sein vor dem Herrn; Wein und starkes Getränk wird er nicht trinken und wird schon von Mutterleib an erfüllt werden mit dem Heiligen Geist. Lukas 1,15

In Wirklichkeit zeigen diese Stellen, dass wenn Gott einen Menschen erwählt, er in ihm unwiderstehlich wirkt, bis dieser Mensch zum Glauben kommt.

Schlusswort

Die Lehre der völligen Verderbtheit des Menschen macht deutlich, warum Gott unwiderstehlich wirken muss, bevor ein verlorener Mensch zum Glauben kommen kann. Der Mensch ist so zu einem tiefen Punkt gefallen, dass er nicht mehr Gott suchen möchte. Sein Wille, obwohl ungehindert, ist nicht geneigt, das Gute zu suchen. Dies bedeutet jedoch nicht, dass der Mensch keine Verantwortung trägt, denn Gott warnt ihn unmissverständlich durch sein Wort.

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