Der Lobgesang des Zacharias

In der heutigen Zeit haben viele religiöse Menschen den heilsgeschichtlichen Wert der Weihnacht gegen eine moralisierende Botschaft getauscht. Der moderne Mensch glaubt fest an den guten Willen und hat die Hoffnung an einem zukünftigen Weltfrieden nicht verloren. Das Christkind steht für Freude, Harmonie und zwischenmenschliche Verständigung.

Hatte Gottes Menschwerdung das Ziel, wie Petrus Abaelard einmal sagte: die Welt mit dem Licht seiner Weisheit zu erleuchten und in Liebe zu ihm zu entflammen oder war sie eher eine machtvolle Befreiungsaktion.

Die biblische Botschaft ist klar: Gott musste sein Volk retten und konnte nicht erwarten, dass die Menschen ihn finden. Israel hatte trotz Befreiung aus Ägypten erfahren, dass das Gesetz nicht vermag, die Herzen zu erneuern, wenn sie von der Sünde so schlimm geknechtet sind. Gott muss selbst Hand anlegen und einen mächtigen Erlöser senden, um die verlorenen Menschen in die Freiheit zu führen. Einige alttestamentliche Stellen sind eindeutig genug:

Ich, der HERR, habe dich gerufen in Gerechtigkeit und halte dich bei der Hand und behüte dich und mache dich zum Bund für das Volk, zum Licht der Heiden, dass du die Augen der Blinden öffnen sollst und die Gefangenen aus dem Gefängnis führen und, die da sitzen in der Finsternis, aus dem Kerker. (Jesaja 42,6-7)

Aber ich will sie aus dem Totenreich erlösen und vom Tode erretten. Tod, ich will dir ein Gift sein; Totenreich, ich will dir eine Pest sein; Rache kenne ich nicht mehr. (Hosea 13,14)

Kurz vor der Geburt Jesu erreichte das Warten auf den Messias einen Höhepunkt. Die römische Besatzung war zu einer schweren Last geworden, die Korruption des religiösen Systems war erschütternd und das einfache Volk sehnte sich nach politischer und geistlicher Erlösung.

Wir finden am Anfang vom Lukasevangelium drei schönen Lobgesänge:

  • der erste ist der Lobgesang der Elisabeth.
  • dann kommt das Magnifikat der Maria.
  • der letzte Psalm ist der Lobgesang des Zacharias.

Diesen letzten Lobgesang wollen wir näher betrachten. Wir finden ihn in Lukas 1, 67-80.

67 Und sein Vater Zacharias wurde vom Heiligen Geist erfüllt, weissagte und sprach:
68 Gelobt sei der Herr, der Gott Israels! Denn er hat besucht und erlöst sein Volk
69 und hat uns aufgerichtet eine Macht des Heils im Hause seines Dieners David
70 – wie er vorzeiten geredet hat durch den Mund seiner heiligen Propheten -,
71 dass er uns errettete von unsern Feinden und aus der Hand aller, die uns hassen,
72 und Barmherzigkeit erzeigte unsern Vätern und gedächte an seinen heiligen Bund
73 und an den Eid, den er geschworen hat unserm Vater Abraham, uns zu geben,
74 dass wir, erlöst aus der Hand unsrer Feinde,
75 ihm dienten ohne Furcht unser Leben lang in Heiligkeit und Gerechtigkeit vor seinen Augen.
76 Und du, Kindlein, wirst ein Prophet des Höchsten heißen. Denn du wirst dem Herrn vorangehen, dass du seinen Weg bereitest
77 und Erkenntnis des Heils gebest seinem Volk in der Vergebung ihrer Sünden,
78 durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes, durch die uns besuchen wird das aufgehende Licht aus der Höhe,
79 damit es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens.
80
Und das Kindlein wuchs und wurde stark im Geist. Und er war in der Wüste bis zu dem Tag, an dem er vor das Volk Israel treten sollte.

Das Wesen der Prophetie

Zacharias wurde vom Heiligen Geist erfüllt und weissagte. Woher wusste Lukas, dass es sich um eine Weissagung handelte?

Während viele Bibelkritiker diese Worte als eine späte Einfügung des Lukas sehen – er hätte mit seinem späteren Verständnis diese Worte in den Mund des Zacharias gelegt – halten wir diesen Psalm des Zacharias für eine mündliche Überlieferung, die von Maria berichtet und im Kreise der Jünger aufbewahrt wurde.

Aber was ist prophetisch bei diesen Worten?

Selbstverständlich könnte man sagen: Woher wusste Zacharias, dass sein Sohn ein Prophet werden sollte, wenn Gott ihn das nicht offenbart hätte?

Aber das ist nicht alles: dieser Lobgesang ist prophetisch, weil er einen hohen theologischen Wert besitzt.

  • Zacharias erkennt, dass die Prophetien über den Messias sich jetzt erfüllen sollen.
  • Er begreift, dass das Kommen dieses Messias nicht nur einen politischen Charakter hat, sondern dass es vor allem um eine geistliche Erlösung geht.
  • Er erkennt den wahren Zweck der Erlösung: Gott möchte ein gerechtes und heiliges Volk schaffen.

Hier finden wir ein wichtiges Merkmal der Prophetie. Eine Prophetie ist nicht in erster Linie eine Voraussage, sondern sie vermittelt uns einen tiefen Einblick in den Heilsplan Gottes.

Wir finden in dieser Prophetie kostbare Hinweise auf die 3 Funktionen des Messias: er soll Priester, König und Prophet sein.

  • In seinem Amt als Priester versöhnt uns Jesus mit dem heiligen Gott.
  • Als Herr versetzt er uns vom Reich der Finsternis in Gottes Reich.
  • Als Prophet schenkt er uns Licht und Erkenntnis.

Gott soll gepriesen werden, weil in Jesus Christus der Gott Israels auch unser Gott wird.

Die Weissagung Zacharias fängt mit einem Lobpreis Gottes an: Gelobt sei der Herr, der Gott Israels!

So fängt das Gebet eines frommen Juden an. Es drückt Dankbarkeit aus, weil Israel ein besonderes Volk ist, das Eigentum Gottes.

Das griechische Wort eulogetos übersetzt das hebräische baruch und steht für segnen. Es bedeutet sowohl, dass wir Gott segnen dürfen als auch dass Gott uns segnen möchte.

Im Psalm 103, 2-3 finden wir ein Beispiel für die Art und Weise, wie wir Gott loben können:

Lobe den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat: der dir alle deine Sünde vergibt und heilet alle deine Gebrechen, der dein Leben vom Verderben erlöst, der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit usw.

Übrigens: der Zweck prophetischer Worte ist, dass Gott direkt oder indirekt gepriesen wird. An diesem Maßstab sollten wir Predigten oder ermahnende Worte messen.

Wenn jemand predigt, dass er’s rede als Gottes Wort; wenn jemand dient, dass er’s tue aus der Kraft, die Gott gewährt, damit in allen Dingen Gott gepriesen werde durch Jesus Christus. (1 Petrus 4,11)

Gott segnet uns, wenn Er Gefallen an uns hat. Daraus resultiert, was wir z.B. im Psalm 128 finden:

Wohl dem, der den HERRN fürchtet und auf seinen Wegen geht! Du wirst dich nähren von deiner Hände Arbeit; wohl dir, du hast’s gut. Deine Frau wird sein wie ein fruchtbarer Weinstock drinnen in deinem Hause, deine Kinder wie junge Ölbäume um deinen Tisch her. Siehe, so wird gesegnet der Mann, der den HERRN fürchtet. Der HERR wird dich segnen aus Zion, dass du siehst das Glück Jerusalems dein Leben lang und siehst Kinder deiner Kinder. Friede sei über Israel!

Wie wir lesen, der Friede soll für Israel gelten. Wer aber in Jesus Christus ist, also ein Kind Gottes ist, darf den Segen Gottes auch für sich in Anspruch nehmen:

Denn in Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern eine neue Kreatur. Und alle, die sich nach diesem Maßstab richten – Friede und Barmherzigkeit über sie und über das Israel Gottes!

Gott, in seiner Barmherzigkeit, kommt selbst, um sein Volk zu erlösen.

Was ist der Grund für Zacharias Lobpreis? Das ist die Erkenntnis, dass Gott seine Verheißung erfüllt. Er hat besucht und erlöst sein Volk. Sowohl im Vers 68 als auch im Vers 78 ist die Rede, dass Gott uns aus der Höhe besucht. Merken wir, dass das Wunder der Geburt Johannes bereits ein sicheres Zeichen ist, dass die Prophetie in Erfüllung gehen wird.

Dass Gott sein Volk besuchen will, finden wir z.B. in Jesaja 35,4:

Sagt den verzagten Herzen: »Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott! Er kommt zur Rache; Gott, der da vergilt, kommt und wird euch helfen

Gott kommt selbst und hilft uns. Das ist die Bedeutung vom Name Jesu: Gott hilft.

Jesus ist der Goel, derjenige, der die Rechte der Angehörigen wiederherstellt. Ein gutes Beispiel finden wir im Buch Rut, wo Boas die Familie von Noomi, zu der Rut gehört, erlöst. Weniger bekannt ist die Tatsache, dass der Goel nach 4 Mose 35 auch ein erlittenes Unrecht rächen darf.

Bei der Erlösung müssen wir einen zweiten Aspekt nicht vergessen. Jesus ist unser Hohepriester, der uns durch seinen Tod mit Gott versöhnt. Durch sein vollkommenes Leben erfüllt er die Forderungen des Gesetzes Gottes und kann unser Fürsprecher sein. So ist uns Jesus auch ein Helfer.

Sein Kommen schafft Befreiung, denn Er soll herrschen über die Völker und sich die bösen Mächte unterwerfen.

Ab Vers 69 wird die königliche Funktion Jesu betont.

Gott hat uns eine Macht des Heils im Hause seines Dieners Davids aufgerichtet, sagt Zacharias. Es heißt wortwörtlich: er hat ein Horn des Heils aufgerichtet.

Das Horn eines wilden Stiers ist ein Symbol der Macht. Wir finden z.B. im Psalm 148,14 den Ausdruck:

Er hat das Horn seines Volkes erhöht. (Schlachter 2000)

oder in Psalm 132,17

Dort will ich dem David ein Horn hervorsprossen lassen, eine Leuchte zurichten meinem Gesalbten. (Schlachter 2000)

Der Vers 71 zeigt uns, worum es geht: Errettung von unseren Feinden und aus der Hand aller, die uns hassen;

Für die Juden sollte die messianische Zeit eine Zeit der Wiederherstellung Israels und ein Sieg über alle Feinde werden. Der Messias sollte der Nachkomme Davids sein, der Melek Israels (König Israels).

Im Psalm 45,5-6 lesen wir z.B. über den Messias:

In deiner Pracht fahre siegreich einher für die Sache der Wahrheit, der Sanftmut und Gerechtigkeit, und deine Rechte lehre dich furchterregende Taten! Deine Pfeile sind scharf, sie unterwerfen dir die Völker; sie dringen ins Herz der Feinde des Königs.

Anders als bei einer menschlichen Herrschaft wird die Herrschaft Jesu niemandem erzwungen. In der Endzeit wird Christus über der ganzen Erde herrschen, aber jetzt soll Jesus seine Untertanen durch die Verkündigung des Evangeliums gewinnen. In anderen Worten soll Jesus primär über die Herzen herrschen.

Schauen wir in Apostelgeschichte 15,16-17 wie Jakobus die alttestamentliche Prophetie von Amos 9,11-12 deutet, nachdem Paulus und Barnabas über die Bekehrung der Heiden berichtet haben:

»Nach diesem will ich zurückkehren und die zerfallene Hütte Davids wieder aufbauen, und ihre Trümmer will ich wieder bauen und sie wieder aufrichten, damit die Übriggebliebenen der Menschen den Herrn suchen, und alle Heiden, über die mein Name ausgerufen worden ist, spricht der Herr, der all dies tut.«

Erst am Ende wird sich die Prophetie von 1 Mose 3, 15 erfüllen, wie Paulus in Römer 16 sagt, nachdem der Gehorsam des Glaubens unter allen Heiden aufgerichtet worden ist (V.26):

Der Gott des Friedens aber wird den Satan unter eure Füße treten in Kürze. (Römer 16,20)

Er handelt nach seinem Versprechen, im Rahmen seines heiligen Bundes.

Was treibt Gott überhaupt? Ganz einfach: seine Barmherzigkeit und Bundestreue. Das Alte Testament spricht von der chesed Gottes, die sowohl die Freundlichkeit Gottes als auch seine Treue gegenüber seinem Volk ausdrückt.

In 1 Mose 15 lesen wir, wie Gott einen Bund mit Abraham abgeschlossen hat. Als Bestätigung sollten Tiere zerteilt werden und die Beteiligten sollten durch die Teile hindurchgehen. Diese Zeremonie hat folgende Bedeutung: derjenige, der sich nicht an diesem Bund halten sollte, sollte auf dieser grausamen Weise umkommen.

In 1 Mose 17,7 wird dieser Bund bekräftigt:

Und ich will aufrichten meinen Bund zwischen mir und dir und deinen Nachkommen von Geschlecht zu Geschlecht, dass es ein ewiger Bund sei, sodass ich dein und deiner Nachkommen Gott bin.

Das äußerliche Zeichen dieses Bundes ist die Beschneidung – wieder ein blutiges Zeichen. Sie bekräftigt, dass der Bundesbrecher abgeschnitten werden soll.

Da Gott wohl weiß, dass der Mensch diesen Bund nicht halten kann, nimmt Gott selbst diesen Fluch auf sich, da Er als Feuerflamme zwischen den Stücken fährt.

In Galater 3,13 wird bekräftigt, dass Jesus Christus diesen Fluch auf sich genommen hat, dass er selbst zum Fluch geworden ist:

Christus aber hat uns erlöst von dem Fluch des Gesetzes, da er zum Fluch wurde für uns;

Ziel unserer Erlösung ist, dass wir ein Leben im dankbaren Dienst und Heiligkeit führen.

Das Ziel der Erlösung ist, wie der Vers 75 betont, dass wir Gott unser Leben lang dienen, ohne Furcht und in Heiligkeit und Gerechtigkeit.

Das, was mit der Befreiung aus Ägypten nicht erfüllt wurde, soll jetzt mit dem Messias Realität werden.

In Titus 2 preist Paulus die Macht des Erscheinens Jesu Christi:

Denn die Gnade Gottes ist erschienen, die heilbringend ist für alle Menschen; sie nimmt uns in Zucht, damit wir die Gottlosigkeit und die weltlichen Begierden verleugnen und besonnen und gerecht und gottesfürchtig leben in der jetzigen Weltzeit, indem wir die glückselige Hoffnung erwarten und die Erscheinung der Herrlichkeit des großen Gottes und unseres Retters Jesus Christus, der sich selbst für uns hingegeben hat, um uns von aller Gesetzlosigkeit zu erlösen und für sich selbst ein Volk zum besonderen Eigentum zu reinigen, das eifrig ist, gute Werke zu tun.

Zahlreiche neutestamentliche Verse machen uns ganz klar, was die Adoption in die Familie Gottes für praktische Folgen hat:

Römer 12, 1: Gebt eure Leiber hin als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist…

Epheser 4,24: Zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit…

1 Thessalonicher 4,7: Denn Gott hat uns nicht berufen zur Unreinheit, sondern zur Heiligung…

Heil und Vergebung der Sünden sollen durch die Gute Botschaft verkündet werden

Johannes soll ein Wegbereiter für den Messias sein. Seine Aufgabe ist die eines Evangelist.

Laut Vers 77 sind die Aufgaben eines Evangelist:

  • Erkenntnis des Heils zu geben:

Dies geschieht, indem man auf Jesus und auf sein Werk hinweist. Ohne den Heiland würde die Grundlage für die Erlösung fehlen.

  • Vergebung der Sünden zu verkünden

Das ist die Frucht dieser Erlösung. Jeder, der der guten Botschaft gehorcht, erhält die Vergebung seiner Sünden.

Das Kommen des Messias bringt Licht.

In den Versen 78-79 geht es um die prophetische Funktion des Messias. Durch sein Evangelium bringt Er Licht und Frieden.

Der Lobgesang des Zacharias ist voll von biblischen Worten. Er erwähnt zwei wichtigen Prophetien aus dem Buch Jesaja

Eine aus Jesaja 9,1:

Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.

Die Andere aus Jesaja 60,1-2:

Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des HERRN geht auf über dir! Denn siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker; aber über dir geht auf der HERR, und seine Herrlichkeit erscheint über dir.

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