Die Bundestheologie unter Beschuss

Für diejenigen, die vielleicht nicht wissen, was der Begriff „Bundestheologie“ bedeutet, verweise ich auf diesen einführenden Artikel.

Die Bundestheologie (oder auch Föderaltheologie) ist eine wichtige Säule des reformatorischen Lehrguts und ist, meiner Ansicht nach, das geeigneste Modell, um die biblische Heilsgeschichte zu verstehen. Es mag sein, dass sie an einigen Stellen Schwächen aufweist, aber andere Modelle sind sicherlich weniger befriedigend.

Nun ist diese Theologie manchmal schwer angegriffen worden, wie beispielsweise von Lewis Sperry Chafer, Gründer des Dallas Theological Seminary und Befürworter des Dispensationalismus.

Zunächst möchte ich einige Vorwürfe von Chafer zusammenfassen. Zu jedem Vorwurf werde ich eine kurze Antwort geben.

  1. Die Bundestheologie ignoriert die Theologie von Paulus über die Gemeinde.
  2. Die Lehre der Reformatoren widerspiegelt die Lehre der Apostel weniger zutreffend als die von John Nelson Darby im 19. Jahrhundert.
  3. Die Bundestheologie gibt den Reformatoren einen zu hohen Stellenwert und sieht andere Meinungen eher skeptisch.
  4. Die Bundestheologie ist ein reines Konstrukt und nicht einmal bibeltreu. Die Begriffe „Bund der Werke“ und „Gnadenbund“ tauchen in der Bibel nie auf.
  5. Sie vereinfacht zu extrem Gottes Plan, der in Wirklichkeit vielfältiger ist.
  6. Sie führt eine neue Gesetzlichkeit ein, insbesondere mit der Einhaltung des Sonntages.
  7. Sie ignoriert den Unterschied zwischen Gnadenzeit und Reich Gottes.
  8. Sie ignoriert die Lehre des tausendjährigen Reichs.

Ignoriert die Bundestheologie die Lehre von Paulus über die Gemeinde?

Damit hat vor allem Chafer die Stelle vom Epheserbrief, Kap. 3, im Blick, wo Paulus sagt:

(8) Mir, dem allergeringsten unter allen Heiligen, ist die Gnade gegeben worden, den Heiden zu verkündigen den unausforschlichen Reichtum Christi (9) und für alle ans Licht zu bringen, wie Gott seinen geheimen Ratschluss ausführt, der von Ewigkeit her verborgen war in ihm, der alles geschaffen hat; (10) damit jetzt kundwerde die mannigfaltige Weisheit Gottes den Mächten und Gewalten im Himmel durch die Gemeinde..

Laut Chafer ist die Kirche etwas völlig neues und war im Alten Bund überhaupt nicht erkennbar. Dies stimmt nicht ganz, denn Gott hatte bereits im A.T. verkündigt, dass Er Menschen aus anderen Völkern aussuchen wollte, z. B. in Jesaja 66, 19-21:

(19) Und ich will ein Zeichen unter ihnen aufrichten und einige von ihnen, die errettet sind, zu den Völkern senden, nach Tarsis, nach Put und Lud, nach Meschech und Rosch, nach Tubal und Jawan und zu den fernen Inseln, wo man nichts von mir gehört hat und die meine Herrlichkeit nicht gesehen haben; und sie sollen meine Herrlichkeit unter den Völkern verkündigen. (20) Und sie werden alle eure Brüder aus allen Völkern herbringen dem HERRN zum Weihgeschenk auf Rossen und Wagen, in Sänften, auf Maultieren und Dromedaren nach Jerusalem zu meinem heiligen Berge, spricht der HERR, gleichwie Israel die Opfergaben in reinem Gefäße zum Hause des HERRN bringt. (21) Und ich will auch aus ihnen Priester und Leviten nehmen, spricht der HERR.

Interessanterweise sind die Dispensationalisten gezwungen, diese Stelle wörtlich zu verstehen und sie auf das tausendjährige Reich zu beziehen, was wenig Sinn ergibt. Meint nicht das Neue Testament, dass die Christen das auserwählte Geschlecht sind, die königliche Priesterschaft, das heilige Volk (1 Petrus 2, 9)? Ein Vers weiter bezieht sich Petrus im Hinblick auf die Christen auch auf Hosea 2, 25, wo Gott ein Nicht-Volk sein Volk nennt.

Was Paulus in Wirklichkeit in Epheser 3 meint, ist, dass die Berufung der Heiden im A.T nur schattenhaft angekündigt wurde und deshalb für die Juden deshalb schwer verständlich war.

Haben John Nelson Darby und seine Jünger ein besseres Bibelverständnis als die Reformatoren?

Zu behaupten, dass die Reformatoren wie Luther, Zwingli und Calvin, ähnliche Ideen wie die von Darby nicht kannten, entspricht nicht der Wahrheit. Diese Behauptungen waren zum Teil bei den Wiedertäufern nicht neu und die Reformatoren haben auch dagegen argumentiert.

Es ist total unbegründet, noch dazu zu behaupten, dass die Lehre von Darby der apostolischen Lehre entspricht. Das Gedankengut der Kirchenväter unterstützt eher die Bundestheologie, denn diese haben fast einstimmig in der Gemeinde das Verus Israel gesehen.

Sieht die Bundestheologie andere Meinungen als eine Bedrohung an?

Diesen Vorwurf könnte man gerade Chafer entgegen setzen, denn er betrachtete die Bundestheologie als eine echte Gefahr für das Christentum. Dass Christen sich manchmal in die Wolle kriegen, ist leider traurig aber unvermeidbar.

„Bund der Werke“ und „Gnadenbund“ sind ein reine theologische Erfindung

Viele Lehrpunkte sind theologische Konstrukte, zum Beispiel die Dreieinigkeitslehre. Kein wahrer Christ würde bestreiten, dass sie dennoch unbiblisch wäre. Die Frage ist eher: Findet man Bibelstellen, die diese Ideen („Bund der Werke“ und „Gnadenbund“) untermauern? Die Antwort ist: Ja!

Vor dem Sündenfall war die Gnade nicht notwendig, weil der Mensch vollkommen war. Gott schloss ein Abkommen mit unseren Vorfahren ab, indem er sagte:

(16) Und Gott der HERR gebot dem Menschen und sprach: Du darfst essen von allen Bäumen im Garten, (17) aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn an dem Tage, da du von ihm isst, musst du des Todes sterben.       1 Mose 2, 16-17

Nach dem Bruch dieses Vertrags wird die Gnade notwendig, weil der Mensch nicht mehr in der Lage ist, aus eigener Kraft, gerettet zu werden (siehe dazu Römer 5). Gott kündigt diese Gnade sofort an (1 Mose 3, 15). Dieser Bund wird in verschiedenen Formen wiederholt werden, aber bleibt dennoch ein und derselbe. Der reformierte Theologe Louis Berkhof hat in seiner „Systematischen Theologie“ folgendes gezeigt:

  • die Verheißung ist dieselbe (1 Mose 17, 7 )
  • die Gute Nachricht ist auch dieselbe ( Hebräer 8, 10 )
  • der Glaube ist derselbe ( Galater 3, 6-7)
  • der Mittler (Sohn Gottes) ist Derselbe ( Hebräer 13, 8 )

Ignoriert die Bundestheologie die Vielfalt vom Plan Gottes ?

Chafer meint, dass die Bundestheologie Gottes Plan letztendlich karikiert. Sie ignoriert nämlich, dass Gott eine ganz besondere Absicht für Israel hat, so wie Er sich auch einen Plan für die Gemeinde ausgedacht hat. Gott ist ebenfalls frei, die Menschen durch verschiedene Wege zu rechtfertigen.

Das Problem dabei ist, dass Chafer und die Dispensationalisten eine falsche Exegese auf das A.T. anwenden. Sie verstehen die Verheißungen an Israel immer wörtlich und dieser Irrtum führt an manchen Stellen zu inakzeptablen Konsequenzen, wenn, zum Beispiel, nach Hesekiel 44 Tieropfer im tausendjährigen Reich wieder eingeführt werden, obwohl der Tod Christi am Kreuz bereits stattgefunden hat.

Für die Bundestheologie ist Jesus Christus heute wie damals der einzige Retter. Zu behaupten, dass die Israeliten durch das mosaische Gesetz gerechtfertigt wurden, widerspricht total Römer 3, 20 (weil kein Mensch durch die Werke des Gesetzes vor ihm gerecht sein kann!)

Führt die Bundestheologie mit dem Sonntag eine neue Gesetzlichkeit ein?

Chafer verwirft die Auffassung, dass ein Christ noch etwas mit dem Gesetz zu tun hat, denn für ihn ist Christus das Ende des Gesetzes.

Was die Dispensationalisten nicht sehen, ist, dass nur die Gesetzlichkeit abgeschafft wurde, nicht aber die moralischen Prinzipien des Gesetzes. Jene sind Ausdruck des ewigen Willen Gottes. Gelten die 10 Gebote vielleicht nicht mehr?

Zwei Dinge sind in Wirklichkeit abgeschafft worden:

  • das mosaische Zeremoniell, welches Schattenbilder vom Werk Christi beinhaltete.
  • die Verurteilung durch das Gesetz, weil Jesus diese Strafe auf sich genommen hat.

Eine Sache ist auch mit dem Evangelium klar geworden: man kann durch das Gesetz die Gerechtigkeit Gottes nie erfüllen. Das hat Chafer nicht verstanden, denn er geht davon aus, dass die Israeliten doch durch das Gesetz gerechtfertigt wurden. Die Bundestheologie geht noch weiter und behauptet, dass es nie die Absicht Gottes war, Menschen durch das Gesetz zu rechtfertigen. Übrigens: Wenn Reformierte den Sonntag halten, tun sie das aus Dankbarkeit.

Warum die Bundestheologie den Unterschied zwischen Gnadenzeit und Reich Gottes ignoriert.

Dieser Unterschied ist meiner Ansicht nach erfunden! Als Jesus den Israeliten das Reich angeboten hat, gab er ihnen zu verstehen: Egal, ob ihr dieses Reich annehmt oder nicht, wird Gott seinen Plan nicht ändern. Das Reich hingegen wird den Nationen angeboten, weil die damaligen Juden das Angebot abgelehnt haben; das erfährt man im „Gleichnis der bösen Weingärtner“ in Matthäus 21, wo Jesus sagt:

(43) Darum sage ich euch: Das Reich Gottes wird von euch genommen und einem Volk gegeben werden, das seine Früchte bringt.

Ignoriert die Bundestheologie die Lehre des tausendjährigen Reichs?

Ich verweise auf diesen Artikel. Darin wird gezeigt, dass eine wörtliche Interpretation von Offenbarung 20 nicht der Absicht des Textes entspricht. Die alttestamentlichen Verheißungen sind sinnbildlich zu verstehen.

Ein Gedanke zu “Die Bundestheologie unter Beschuss

  1. Hallo, vielen Dank für den Beitrag. Ich persönlich mag die Einteilungen in Bundestheolgie usw. nicht. Ich musste mir den Vorwurf des Bundestheologen schon gefallen lassen obwohl ich keine Ahnung hatte was das ist. Ich habe einzig und allein mein Bibelverständnis dargelegt. So bin ich aber dann auf die Idee gekommen mal nach Bundestheologie zu suchen.

    Der Plan Gottes „beginnt“ für uns bei Abraham. Der Bund mit Abram ist der Alte Bund, dieser wurde ausschließlich seinen Samen gegeben. Wärend der zweite Bund mit Abraham UND seinen Samen gegeben wurde. Das ist der neue Bund. Wir leben heute im neuen Bund und sind geistlich betrachtet in der „Wüste“, wenn wir „über den Jordan“ (leiblicher Tod) gehen werden wir gemeinsam mit Abraham im Land der Verheisung sein.

    Hier ist ein Video zu Jerusalem, ihr müsst der Überschrift und der Schlussfolgerung keinen Glauben schenken. Aber schaut es euch mal an, denn im 2. Teil wird das mit den Bündnissen zwischen Abram und Abraham aufgegriffen. Da wird das Ganze sehr deutlich.

    Ich habe dem Dispensationalismus auch gegelaubt, jetzt verstehe ich die Bibel viel besser und er ist klar abzulehnen. Leider wissen viele garnicht das sie an Disp. glauben oder was das ist.

    LG

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