An jenem Tage – Ein Argument gegen den Prämillenarismus

Der Prämillenarismus ist die Endzeitlehre, welche vertritt, dass der Wiederkunft des Herrn ein tausendjähriges Reich folgen wird. Die alttestamentlichen Verheißungen an Israel sollen sich in diesem irdischen Reich erfüllen (siehe z.B. Jesaja 11).

Es gibt zwei Arten von Prämillenarismus:

  1. der sog. klassische Prämillenarismus.
  2. der dispensationalistische Prämillenarismus (der zum Beispiel in der Scofield-Bibel oder auch von John MacArthur vertreten wird).

Die folgende Übersicht zeigt den Unterschied zwischen den gängigen Meinungen bezüglich der Endzeit.

Es gibt eine Bibelstelle, die meines Erachtens die Ansicht des Prämillenarismus (egal ob klassisch oder dispensationalistisch) deutlich widerlegt. Wir finden sie in 2.Thessalonicher 1,3-10. Bevor wir diese Verse anschauen, möchte ich betonen, dass ich bei den meisten Prämillenaristen ihren Wunsch, der Bibel treu zu sein, sehr schätze. Ich möchte auf gar keinen Fall ihren Glauben abwerten. Nichtsdestotrotz meine ich, dass der Glaube an ein tausendjähriges Reich in der Heiligen Schrift nicht unterstützt wird.

Wir wollen jetzt den erwähnten Text betrachten. Ich verwende dazu eine relativ worttreue Übersetzung: die revidierte Elberfelder:

2.Thessalonicher 1,3-10
3
Wir müssen Gott allezeit für euch danken, Brüder, wie es angemessen ist, weil euer Glaube reichlich wächst und die Liebe zueinander bei jedem Einzelnen von euch allen zunimmt, 4 so dass wir selbst uns euer rühmen in den Gemeinden Gottes wegen eures Ausharrens und Glaubens in allen euren Verfolgungen und Bedrängnissen, die ihr erduldet; 5 sie sind ein Anzeichen des gerechten Gerichts Gottes, dass ihr des Reiches Gottes gewürdigt werdet, um dessentwillen ihr auch leidet, 6 so gewiss es bei Gott gerecht ist, denen, die euch bedrängen, mit Bedrängnis zu vergelten, 7 und euch, den Bedrängten, mit Ruhe, zusammen mit uns bei der Offenbarung des Herrn Jesus vom Himmel her mit den Engeln seiner Macht, 8 in flammendem Feuer. Dabei übt er Vergeltung an denen, die Gott nicht kennen, und an denen, die dem Evangelium unseres Herrn Jesus nicht gehorchen; 9 sie werden Strafe leiden, ewiges Verderben vom Angesicht des Herrn und von der Herrlichkeit seiner Stärke, 10 wenn er kommt, um an jenem Tag in seinen Heiligen verherrlicht und in allen denen bewundert zu werden, die geglaubt haben; denn unser Zeugnis an euch ist geglaubt worden.

Der Kontext dieses Briefs

Wer sind die Adressaten dieses Briefes? Das sind Christen aus der Stadt Thessalonich, in der Region Makedonien. Paulus hat die dortige Gemeinde während seiner zweiten Missionsreise gegründet. Kurz nachdem er die Stadt plötzlich verlassen musste, schreibt er den Christen zwei Briefe. In dem ersten Brief möchte er vor allem erklären, warum er die Stadt so schnell verlassen musste und nicht mehr zurückkehren konnte. Es ist zumindest bei einigen der Eindruck entstanden, dass Paulus unehrliche Beweggründe hatte. Der Apostel möchte diesen falschen Eindruck im Kapitel 2 aus dem Weg räumen. Er lobt den vorbildlichen Glauben der Thessalonicher. Sie haben es nicht leicht, denn sie leben in einem sehr feindlichen Umfeld und werden stark verfolgt.

Ein Problem der Thessalonicher ist dennoch aus Paulus Sicht ihre Endzeitvorstellung. Sie sind zwar eifrig und leben in der Erwartung der baldigen Wiederkunft Jesu, wie es ihnen gelehrt wurde. Eine Frage stellen sie sich dennoch: Was passiert mit denen, die bis zu der Wiederkunft Jesu gestorben sind? Werden sie dabei sein oder bleiben sie für immer in dem Tod? Wenn wir 1.Thessalonicher 4 lesen, entsteht der Eindruck, dass die Thessalonicher sich große Sorgen um diese Verstorbenen machen. Kann es sein, dass nur diejenigen, die noch am Leben sind, wenn Christus wiederkommt, die ewige Seligkeit erfahren? Paulus möchte sie beruhigen. Er tut das in seinem ersten Brief an die Gemeinde, Kapitel 4 und 5 und er tut das auch in seinem zweiten Brief. Die noch am Leben sind werden keinen Vorteil gegenüber den Verstorbenen haben. Die Verstorbenen, sagt Paulus, werden zuerst auferstehen.

In diesem 2. Brief, der uns heute mehr interessiert, betont Paulus andere Aspekte der Wiederkunft Jesu, u.a. die Frage, ob diese Wiederkunft doch nicht bereits stattgefunden hat, in einer „unsichtbaren“ oder „geistlichen“ Art. Einige behaupteten vielleicht so etwas.

Paulus argumentiert in Kapitel 2, dass der „Antichrist“ zuerst erscheinen soll. Der Herr kann noch nicht da sein, weil das Böse noch nicht seinen Höhepunkt erreicht hat. Und trotzdem leiden bereits die Thessalonicher unter starker Verfolgung. Ist es doch nicht ein Anzeichen dafür, dass die große Trübsal begonnen hat? Paulus sagt im Kapitel 2, Vers 7, dass das Geheimnis des Frevels zwar bereits wirksam ist, aber dass ein geheimnisvolles „Hindernis“ noch hinweggetan werden muss, bevor der Antichrist kommt.

Interessant für diesen Artikel ist, was er noch in Kapitel 1 sagt, um die Thessalonicher zu trösten. Das wollen wir jetzt näher betrachten!

Die Leiden der Christen sind als Pfand ihres zukünftigen Lohns zu verstehen

Paulus erklärt in den Versen 3 bis 5, dass die momentanen Leiden der Thessalonicher in den Augen Gottes „gerechtfertigt“ sind. Sie sind von Gott gewollt. Paulus Ansicht ist, dass Christen leiden müssen, um des Reiches Gottes würdig zu sein. Er meint nicht damit, dass diese Leiden zu ihrem Heil beitragen. Der Apostel vertritt überall in seinem Briefen, dass unsere Rettung alleine aus Gnade geschieht, durch den Glauben an Jesus Christus. Also, Leiden sind keine notwendigen Verdienste, die uns den Himmel öffnen würden.

Wenn es aber so ist, was meint Paulus mit dem Satz: diese Leiden sind ein Beweis des Gerichts Gottes, dass ihr des Reiches Gottes würdig werden sollt, um dessentwillen ihr leidet?

Ich glaube, dass er sagen will: Gott wird eure Leiden am Tage des Gerichts nicht vergessen; er wird mit Sicherheit belohnen, was ihr jetzt um seinetwillen ertragt. Betrachtet als eine Ehre, Thessalonicher, für sein Reich zu leiden! Dafür werdet ihr einen Preis empfangen.

Worin zeigt sich Gottes Gerechtigkeit am Tage des Gerichts?

In den Versen 6 und 7 sagt Paulus seinen Lesern: Eure Verfolger werden am Tage des Gerichts mit „Bedrängnis“ heimgezahlt und ihr werdet im Gegensatz „Ruhe“ bekommen. Bevor wir den Sinn dieser beiden Begriffe (Bedrängnis und Ruhe) erläutern, möchte ich an dieser Stelle betonen, dass Paulus hier ganz klar von einem Gericht spricht. Wir wissen noch nicht, welche Art von Gericht gemeint ist, aber dieses Gericht wird als „Prozess“ beschrieben, wo Gott zwischen zwei Parteien richtig urteilen wird: die einen werden bestraft, die anderen erhalten Gerechtigkeit. Es werden nicht „zukünftige“ Menschen bestraft bzw. belohnt, sondern:
(1) diejenigen, die jetzt die Thessalonicher verfolgen und
(2) die Thessalonicher selbst.
Der Kontext impliziert eine Auferstehung der Toten vor diesem Gericht, falls es nicht zur Lebzeit der Thessalonicher stattfinden sollte, sondern viel später.

Was ist mit dem Begriff Bedrängnis gemeint? Das griech. Wort dafür ist antapodounai und stammt vom Verb antapodidomi (heimzahlen). Die Rede ist von einer Vergeltung. Implizit ist selbstverständlich eine Strafe gemeint, keine Belohnung. Was empfangen dagegen die Verfolgten? – Ruhe! Das Wort für Ruhe ist anesin (von anesis). Das Wort bedeutet „Erleichterung“ und wird zum Beispiel benutzt, wenn die Haftbedingungen eines Gefangenen leichter werden. Die Idee ist, dass die Thessalonicher sich an diesem Tag wirklich entspannen werden. Bemerken etwas wichtiges: Paulus sagt, dass die Thessalonicher diese Ruhe mit ihm empfangen werden! Das heißt, Paulus wird diese Ruhe gleichzeitig mit den Thessalonicher bekommen. Ob er denkt, noch am Leben zu sein, oder ob es nach seinem Tod passiert, ist egal. In seinem 1. Brief hat Paulus gezeigt, dass die Verstorbenen bei der Wiederkunft des Herrn keinen Nachteil gegenüber den noch Lebenden haben werden.

Wann wird das geschehen?

Paulus sagt in Vers 7, wann dies geschehen wird: bei der Offenbarung des Herrn Jesus vom Himmel her mit den Engeln seiner Macht. Offenbarung ist das Wort apokalypsis. Man kann auch dieses Wort mit „Erscheinung“ übersetzen. Das ist der Tag, an dem der Herr Jesus Christus allen „sichtbar“ erscheinen wird. Dispensationalisten sind der Meinung, dass hier nicht die erste Widerkunft Jesu gemeint ist, sondern die zweite, am Ende der großen Trübsal also. Was sie von den klassischen Prämillenaristen unterscheidet, ist, dass sie an zwei Wiederkünfte des Herrn glauben.

Zwei starken Argumente sprechen in dem Text  für die Tatsache, dass von nur einer Wiederkunft des Herrn die Rede ist:

  1. die leidenden Christen werden Ruhe empfangen. Würden die Christen sieben Jahre vorher entrückt werden, also vor der Trübsal, hätten sie sicherlich genug Zeit sich auszuruhen. Vergessen wir nicht, was wir vorher gezeigt haben: mit dieser „Ruhe“ ist eine „Befreiung“ gemeint.
  2. diese Christen werden Christus bewundern und verherrlichen. Nochmal: eine solche Aussage macht nur Sinn, wenn diese Christen von der Erde aus die glorreiche Erscheinung des Herrn erleben. Paulus sieht die Wiederkunft des Herrn aus der Perspektive von Menschen, die noch am Leben sind und wegen ihm leiden.

Das Endgericht muss dieser Wiederkunft unmittelbar folgen

Wir kommen jetzt zum letzten Argument, das den klassischen Prämillenarismus widerlegen soll:

Die Verse 9 und 10 sagen deutlich: die Verfolger, die dem Evangelium nicht gehorchen, werden Strafe leiden, ewiges Verderben, wenn er kommt, an jenem Tag!

Würde Paulus erwarten, dass diese Menschen am Tag der Wiederkunft des Herrn nur ein zeitliches Gericht empfingen, würde er nicht von ewigem Verderben sprechen.

Die einzige Möglichkeit, diese Schwierigkeit aus dem Weg zu räumen, ist zu behaupten, dass der Tag des Herrn 1007 Jahre dauern wird. Ich erkläre, was damit gemeint ist: der Tag des Herrn ist ein breiter Begriff, der die ganze Endzeit abdecken würde. Es gibt einen Tag, an dem Jesus für seine Gemeinde kommt, ein Tag, an dem in Herrlichkeit kommt und einen Tag, nach dem Millenium, an dem er die Welt richten wird. Das ist ein und derselbe Tag des Herrn. Wir halten aber eine solche Position für sehr gezwungen.

Viel sinnvoller ist es, anzunehmen, dass Wiederkunft (oder Parusie) des Herrn und Endgericht an einem Stück erfolgen werden, an jenem Tag! Das würde de facto das tausendjährige Reich unhaltbar machen.

Ein Gedanke zu “An jenem Tage – Ein Argument gegen den Prämillenarismus

  1. Ralf Helsper

    Gute Detailinfos zur Problematik TJR ja oder nein! Danke!
    Aus meinen Erfahrungen muß ich leider schildern, das einem Dispensationalisten mit noch so vielen guten Argumenten kaum „geholfen werden kann“ bzw. er seine Anschauung einer geduldigen intensiven Selbstprüfung nicht aussetzen wird. Das liegt am Systemcharakter seiner Sicht, einer „Art Käfigsicht“ oder „Haushaltszeitenbrille“ die er nicht so einfach ablegen kann…
    Dennoch sollen wir natürlich weiterhin anhand des Wortes Gottes in fairer Weise eine gesunde Endzeitlehre vertreten!

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