Gewissensfreiheit

Was zur Zeit in Europa passiert, ist ziemlich besorgniserregend. Nach dem Anschlag gegen die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ am 7. Januar und der Geiselnahme in einem jüdischen Supermarkt am 9. Januar, zeigten sich viele Bürger Europas solidarisch und bekundeten: „Je suis Charlie“. Sie wollten damit zum Ausdruck bringen, dass die Meinungsfreiheit ein wichtiger Bestandteil unserer Demokratie ist. Man kann darüber streiten, ob die Karikaturenzeichner von Charlie Hebdo es nicht zu weit getrieben hatten, aber eine Sache ist sicher: auf die Meinungsfreiheit kann man nicht verzichten, egal welche Drohungen gegen sie ausgesprochen werden.

So weit so gut. Es reicht aber schon, dass am 18. Januar ein deustcher Pfarrer über das erste Gebot „Du sollst keinen Gott neben mir haben“ predigt und es so deutet, dass der Gott der Bibel einen exklusiven Anspruch auf den Glauben seines Volkes erhebt, und schon löst er eine Welle der Empörung in der Gesellschaft aus. Die Rede ist von Olaf Latzel, der evangelischer Pastor der St. Martini-Gemeinde in Bremen. Latzel würde in seiner Predigt Haß gegen Andersgläubige verbreiten. Er wird mit radikalen Islamisten verglichen. Ich habe mir aus Neugier seine Predigt angehört. Ich fand wirklich nichts Verwerfliches in dieser Botschaft. Ich finde deshalb die Kritik gegen diesen Mann völlig übertrieben. Stellen Sie sich vor! Es ist wie wenn der Sprecher einer politischen Partei behaupten würde: Unsere Partei ist die beste, und die anderen ihm vorwerfen würde, er diskriminiere dadurch die anderen politischen Richtungen. Wie lächerlich! Nein, Latzel ist kein Hetzer, der Hassgefühle und feindselige Stimmungen gegen andere Religionen erzeugt. Er spricht nur zu Christen, und das nicht auf der Straße, sondern in seiner eigenen Gemeinde!

Es genügt auch, dass der Präsident des Rates der Juden in Frankreich (Crif) Roger Cukierman sagt, dass die meisten Gewalttaten gegen Juden heutzutage von jungen Muslimen begangen werden, was statistisch belegt ist, und schon sprechen einige von “unverantwortlichen und unzulässigen Äußerungen”, die den Prinzipien des Zusammenlebens widersprechen. Was ist denn da los? Hat man vielleicht Angst, dass die friedlichen muslimischen Mitbürger sich auch irgendwann an den Dschihad beteiligen?

Ich teile nicht die Meinung der meisten Pegida-Anhänger, aber ich kann die Menschen verstehen, die sich mit Angela Merkel nicht identifizieren können, wenn sie sagt: der Islam gehört zu Deutschland. Die Bundeskanzlerin hatte bei einem Besuch des türkischen Ministerpräsidenten Davutoglu gesagt: „Von meiner Seite möchte ich sagen, dass unser früherer Bundespräsident Christian Wulff gesagt hat, der Islam gehört zu Deutschland. Und das ist so, dieser Meinung bin ich auch.“

Diese Aussage mag tolerant sein, sie verbirgt in Wirklichkeit eine gewisse Angst. Ich denke nicht, dass man den „radikalen“ Islam (den sog. Islamismus) mit Opportunismus eindämmen kann. Im Gegensatz! Dafür sollten wir uns auf gewisse christliche Errungenschaften zurück besinnen. Gehören solche Prinzipien tatsächlich zu Deutschland? Vor kurzem las ich einen Artikel von Josef Joffe in der Zeitschrift „Die Zeit“, wo er sagte, man solle nicht diese Aussage überbewerten. „Es gehört zu“ wäre eher eine wässrige Formel. Er stellt auch in Frage, dass Deutschland im Gegensatz zu Amerika eine jüdisch-christliche Tradition hat. Leider verbindet Herr Joffe christliche Tradition zu sehr mit Inquisition und Antisemitismus. Er vergisst die Reformation und den Pietismus. Meines Erachtens ist vor allem christlich, was Jesus gelehrt hat: „Liebe den Nächsten“; „Wenn dir jemand auf die rechte Wange schlägt dann halt auch dir andere hin“; „Gib dem Cäsar, was des Cäsars ist, und Gott, was Gottes ist“. Das Neue Testament lehrt zum Beispiel auch, dass die Obrigkeit die Gewalt über den Bürger hat, das Böse bekämpfen und für Gerechtigkeit sorgen soll. Ich bin der festen Überzeugung, dass solche Prinzipien die europäischen Demokratien mehr beeinflusst haben als wir denken.

Der christliche Glaube mag die Einzigartigkeit Jesu Christi betonen, was vielen ein Dorn im Auge ist, im Grunde respektiert er die anderen Religionen, denn er vertritt eine Zwei-Reiche-Lehre. Das selbe kann man nicht von vielen anderen Religionen sagen. Es ist z.B. unter muslimischen Theologen umstritten, ob man sich einen Islam ohne Scharia vorstellen kann, die das gesamte religiöse, politische, soziale, häusliche und individuelle Leben bestimmen soll. Was die „Islamisten“ übrigens in unserer Gesellschaft am meisten verabscheuen, ist dass unser Wertesystem „wässrig“ geworden ist.

 

 

 

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