Vielleicht erinnern wir uns an diese Auseinandersetzung, als ein Biologielehrer der August-Hermann-Francke-Schule in Gießen (D) in die Kritik geraten war. Dazu hatte sich die hessische Kultusministerin zu Wort gemeldet. Die Theologin Karin Wolff war dafür, dass eine offene und sachliche Diskussion über dieses Thema in den Schulen stattfinden sollte.

Jetzt aber bekennt sich die EKD zur Theistischen Evolution und lehnt den sogenannten biblischen Kreationismus klar ab. Wer ernst genommen werden will, darf die wissenschaftlich etablierte Evolutionstheorie nicht antasten. Jeder sollte auch verstehen, dass man die Sympathisanten des Kreationismus nicht ernst nehmen kann.

Nach der Meinung der EKD betreiben Mitarbeiter von kreationistischen Organisationen wie die Studiengemeinschaft Wort und Wissen“ nur Pseudowissenschaft. Manchmal frage ich mich: Würde man mit den Kreationisten zurück ins Mittelalter kehren, wie behauptet wird? Wird hier nicht der Kreationismus zur Zielscheibe einer modernen Inquisition? Mich stört auch, dass die EKD sich der theologischen Konsequenzen dieser Stellungnahme nicht ganz bewusst ist.

Wie wird die Bibel verstanden?

Es ist längst bekannt, dass die meisten evangelischen Theologen den Schöpfungsbericht als eine rein ideologisierende Erzählung betrachten. Dabei leugnen sie ganz entscheidend die Irrtümlosigkeit der Bibel. Sie bestreiten nicht, dass der Text in irgendeiner Weise inspiriert ist, aber unter Inspiration verstehen sie nicht, was die Kreationisten verstehen. Ihrer Meinung nach ist Gott den Menschen innewohnend, weil diese aufgrund ihrer Gottesebenbildlichkeit über ihn nachdenken können. Wenn Gott sich für die bibeltreuen Christen in Raum und Zeit offenbaren kann, bleibt er für die modernen Theologen transzendent. Transzendenz bedeutet: Gott kann sich durch menschliche Worte nicht offenbaren und menschliche Worte können Ihn auch nicht beschreiben. Die Vorstellung, dass der allmächtige Schöpfer des Universums sich manisfestieren würde, wird als naiv empfunden. Letztendlich sind und bleiben die alttestamentlichen Überlieferungen nur Glaubenszeugnisse von Menschen, die über einen begrenzten Wissensstand verfügten.

Vielleicht liegt der Fehler der „Junge-Erde-Theorie“-Anhänger darin, dass sie unbewusst eine eher mechanische Vorstellung von Inspiration unterstützen, bei der Gott dem Schreiber jeden Begriff diktiert. Muss Gott wie in einer Gebrauchsanweisung reden? Ich persönlich glaube auch an eine Verbalinspiration der Bibel (siehe die Chicago-Erklärung zur Irrtumslosigkeit und Inspiration der Bibel). Verbalinspiration bedeutet jedoch nicht, dass Gott den Verstand der Schreiber ausschalten muss oder dass er sich keiner sinnbildlichen Elemente bedienen darf. Glauben diejenigen, die die Bibel wörtlich nehmen, wirklich, dass die Raubtiere ausschließlich Gras gefressen haben (1. Mose 1, 30) oder dass die Schlange in 1. Mose 3, 1 tatsächlich ein Tier war? Sind sie besser informiert als der Apostel Johannes, der in der „alten Schlange” Satan, den Widersacher Gottes, sieht (Offenbarung 20, 2) und diese Schlange somit als Symbol für die Verführung durch die heidnischen Religionen deutet? Erkennen sie auch die starke Parallele zwischen dem Schöpfungsbericht und der ägyptischen Mythologie (Gott als Töpfer), mit der sich Mose gut auskannte? Tatsache ist: Der Text der Genesis entspricht keiner bekannten Gattung. Es ist zwar Prosa, aber nicht so naiv, wie man denken könnte. Der Schreiber wusste genau, was er damit erzielen wollte. Woher wusste er das eigentlich?

Die Position der EKD berücksichtigt zu wenig die neutestamentliche Lehre

Die Stellungnahme der EKD ignoriert die Verbindung zwischen Erlösungs- und Schöpfungslehre, die bei Jesus und Paulus stets einen privilegierten Platz eingenommen hat.

Warum erwähnt Jesus in Matthäus 19, 4-5 bewusst den Schöpfungsbericht, nachdem die Pharisäer ihn über seine Meinung bezüglich der Scheidung gefragt haben?

Habt ihr nicht gelesen: Der im Anfang den Menschen geschaffen hat, schuf sie als Mann und Frau und SPRACH (1.Mose 2,24): »Darum wird ein Mann Vater und Mutter verlassen und an seiner Frau hängen, und die zwei werden „ein“ Fleisch sein«?

Warum stellt Paulus einen Zusammenhang zwischen Adam, dem ersten Menschen, und Christus her (Römer 5,12 ff.)? Er beschreibt Adam als Bild dessen, der kommen sollte – Christus – und argumentiert somit für dessen Historizität. Durch diesen einen Menschen ist die Sünde in die Welt gekommen, und Jesus wurde Mensch, um uns von dieser vererbten Sünde zu befreien.

Sind die Menschwerdung des Sohnes Gottes, sein Erlösungswerk am Kreuz oder seine leibliche Auferstehung etwa keine übernatürlichen Eingriffe Gottes in die Geschichte der Menschen?

Die EKD will das Übernatürliche ausmerzen und dem Geist der Aufklärung einen Dienst erweisen. Wie kann sie dabei noch für das Eingreifen Gottes im persönlichen Glaubensleben argumentieren? Kein Wunder, dass diese Kirche so viele Mitglieder zugunsten der Freikirchen verliert.