In diesem Artikel beschäftigen wir uns mit der Datierung des Auszugs des Volkes Israel aus Ägypten. Wir gehen natürlich davon aus, dass der Exodus ein historisches Ereignis war und kein Gründungsmythos, der den Ursprung des Volkes Israel erklärt.

Es gibt zwei Hauptansichten zum Zeitpunkt dieses Ereignisses:

  • ein relativ frühes Datum: Mitte des 15. Jahrhunderts v. Chr.
  • ein späteres Datum: Mitte des 13. Jahrhunderts v. Chr.

Argumente für ein frühes Datum

Nach dieser ersten These soll der Exodus zur Zeit der Herrschaft von Pharao Thutmosis III. oder vielleicht von Amenophis II. stattgefunden haben, beide Pharaonen der 18. ägyptischen Dynastie. Während Thutmosis III. als „Bau-König“ bekannt war, der den Einsatz von Ziegeln im Bauwesen verbreitete, gibt es nur wenige Hinweise darauf, dass dies auch bei seinem Nachfolger der Fall war. Was für Amenophis II. sprechen könnte, ist aber die Tatsache, dass das Land zu Beginn seiner Herrschaft militärisch stark geschwächt war.

Das Hauptargument für ein früheres Datum ist die Aussage in 1 Könige 6,1, wonach König Salomo 480 Jahre nach dem Auszug aus Ägypten mit dem Bau des Tempels in Jerusalem begann. Nun wissen wir aber, dass der Tempelbau wahrscheinlich im Frühjahr des Jahres 967 v. Chr. begann. Wenn das so ist, würde das Datum des Exodus also auf das Jahr 1446 v. Chr. zurückgehen, also in die Regierungszeit von Thutmosis III. Die Gegner dieser These betonen, dass dieser Zeitraum von 480 Jahren durchaus eine symbolische Bedeutung haben kann (12 x 40 Jahre oder 12 ideale Generationen) und nicht unbedingt wörtlich genommen werden muss.

Ein zweites Argument ist, dass Jephthah im Buch der Richter, Kapitel 11, Vers 26, dem König der Ammoniter gegenüber erklärt, dass Israel seit 300 Jahren in Transjordanien lebt. Selbst wenn man ein spätes Datum für Jephthahs Leben annimmt (Ende des 12. Jht. v. Chr.), würde die Eroberung Kanaans ins 15. Jahrhundert v. Chr. zurückreichen.

Es gibt noch weitere, mehr oder weniger stichhaltige Argumente für diese Sichtweise:

  • Für viele könnte sich der Hinweis auf den König, der von Josef nichts wusste (2 Mose 1,8), auf einen Pharao der 15. Dynastie beziehen, die sogenannten „Hyksos“. Die Hyksos waren Herrscher ausländischer Herkunft, die um 1650 v. Chr. die Macht übernahmen und bis 1550 v. Chr. regierten. Das würde erklären, warum der Pharao jener Zeit seinen Vertrauten gesagt haben soll, dass die Israeliten zahlreicher seien als sein Volk und er befürchte, sie könnten sich auf die Seite ihrer Feinde schlagen. Wenn Israel zu diesem Zeitpunkt zur Fronarbeit gezwungen wurde und beschlossen wurde, die männlichen Kinder der Israeliten zu töten, dann ist es höchst unwahrscheinlich, dass der Auszug erst 300 Jahre später stattfand.
  • Die Zerstörung bestimmter Städte im Land Kanaan, insbesondere die von Hazor, soll auf die Mitte des 15. Jahrhunderts v. Chr. zurückgehen. Wenn es stimmt, dass diese Stadt zu dieser Zeit teilweise zerstört wurde, ist belegt, dass sie bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts weiterbestand. Andererseits soll sie zu diesem Zeitpunkt vollständig durch Feuer zerstört worden sein, was also für ein späteres Datum des Exodus sprechen würde.
  • Eine Zerstörung der Stadt Jericho scheint entweder um die Mitte des 16. Jahrhunderts oder im Laufe des 15. Jahrhunderts v. Chr. belegt zu sein. Im 13. Jahrhundert v. Chr. gibt es keine ähnlichen Spuren.

Argumente für ein späteres Datum

Nach Ansicht vieler Archäologen würde das Datum des Exodus besser zur Regierungszeit von Ramses II. passen, dem dritten Pharao der 19. Dynastie, der von 1279 bis 1213 v. Chr. regierte.

Was spricht für diese Hypothese?

Das Hauptargument ist die Tatsache, dass die Bibel in 2 Mose 1,11 erwähnt, dass die Israeliten die Vorratsstädte Pitom und Ramses in der Nähe des heutigen Suezkanals bauten. Es war Ramses II. selbst, der die Stadt Pi-Ramses errichtete und sie zu seiner Hauptstadt machte, nachdem sein Vater Sethi I. dort einen Palast gebaut hatte. Nichts deutet darauf hin, dass diese Stadt zuvor existiert hätte. Dieser Name taucht erst im 13. Jahrhundert auf und verschwindet im 12. Jahrhundert v. Chr., nachdem die Hauptstadt nach Tanis verlegt wurde.

Vor dem 13. Jahrhundert gibt es nur sehr wenige Dokumente, die die Region Goschen im Nildelta erwähnen, wo die Israeliten lebten. Dagegen wird berichtet, dass während der Ramessidenzeit zahlreiche Sklaven semitischer Herkunft dort am Bau von Tempeln arbeiteten.

In der Bibel steht, dass Moses und Aaron oft zum Palast des Pharaos gingen, manchmal sogar täglich, was vermuten lässt, dass sie in unmittelbarer Nähe des Palasts wohnten. So lesen wir zum Beispiel in 2 Mose 12,31, dass der Pharao nach dem Tod seines Erstgeborenen Moses und Aaron mitten in der Nacht zu sich rief.
Im 15. Jahrhundert ist es so gut wie sicher, dass die Hauptstadt Ägyptens (und damit der Palast des Pharaos) in Theben lag, also 500 km weiter südlich. Es gibt keine Hinweise darauf, dass die Pharaonen der 18. Dynastie eine bedeutende Residenz im Nildelta hatten.

Im 13. Jahrhundert v. Chr. befand sich Ägypten im Krieg mit dem Hethiterreich, und die nordöstliche Grenze wurde streng bewacht. Das ist zweifellos der Grund, warum Gott sein Volk in die Wüste führte und nicht über den Seeweg. 2 Mose 13,17 erklärt uns, dass Gott befürchtete, das Volk könnte den Mut verlieren, wenn es die Kämpfe sähe.

Die Zerstörung mehrerer Städte im Land Kanaan (Hazor, Lachisch, Debir) scheint die Hypothese einer fremden Invasion im 13. Jahrhundert v. Chr. zu bestätigen. Die Region erlebt eine gewisse Instabilität, da Ägypten, das sich im Konflikt mit den Hethitern befindet, dort keine ausreichende Kontrolle ausübt.

Wie bereits erwähnt, scheint die Stadt Jericho im 13. Jahrhundert v. Chr. vollständig verlassen worden zu sein, was die im Buch Josua, Kapitel 6, beschriebene Eroberung zu dieser Zeit kaum plausibel macht. Das Fehlen von Zerstörungsspuren ist jedoch kein unumstößlicher Beweis.

Fazit

Es ist schwer, mit absoluter Sicherheit zu sagen, wann der Exodus stattfand. Unbestreitbar ist jedoch, dass der biblische Bericht keine Aussagen enthält, die durch den aktuellen archäologischen Wissensstand ernsthaft in Frage gestellt werden.

Uns scheint die konservative Hypothese, nämlich die eines Exodus unter der Herrschaft von Ramses II., am wahrscheinlichsten.