Führen alle Religionen zu Gott?

Vor einigen Jahrhunderten hätte keiner in Europa eine solche Frage gestellt. Es stand außer Frage, dass das Christentum die einzig wahre Religion war. Wenn ich heute behaupten würde, dass meine Religion die einzig richtige ist, würde ich auf keine große Zustimmung stoßen. Es ist nämlich total modern zu denken, dass jeder irgendwie Recht hat, dass Glaube Privatsache ist und dass seine Meinung über die Meinungen der anderen zu stellen, inakzeptabel ist.

Was hat dazu geführt?

1.Wir leben in einer multikulturellen Gesellschaft und das Zusammenkommen der Kulturen in unserem „globalen Dorf“ zwingt irgendwie jeden, andere Religionen und Weltansichten zu akzeptieren, denn sonst wäre ein Zusammenleben unmöglich.

2.Viele unserer Mitmenschen spüren eine tiefe Abneigung gegen die „Kirche“ als Institution. Die letzten Skandale in der katholischen Kirche verstärken diesen Trend. Warum sollten diese Menschen nicht andere Spiritualitäten kennen lernen?

3.Die Aufklärung hat uns irgendwie in eine Sackgasse geführt. Da wir nicht mehr über Gott objektiv reden können, müssen wir uns mit relativen und subjektiven Aussagen begnügen: Das ist meine Meinung, ich denke, ich vermute…

4.Komischerweise findet eine Spaltung in der Gesellschaft statt: viele Menschen verwerfen mit Recht den religiösen Radikalismus, wo andere gerade in diesen Radikalismus verfallen, weil sie auf der Suche nach absoluten Werten sind, die ihnen in unserem multireligiösen System vorenthalten sind. Weiterlesen „Führen alle Religionen zu Gott?“

Mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Der Psalm 22 beschreibt das Leiden eines Menschen, der sich von Gott total verlassen fühlt. Es ist nicht klar, ob der Autor dieses Psalms, David, auf einen Abschnitt seines eigenen Lebens verweist oder ob er auf jemand anderen schaut. Vieles in diesem Psalm lässt vermuten, dass er vielleicht an die Ereignisse denkt, als er vor seinem eigenen Sohn Absalom fliehen musste:

Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch, ein Spott der Leute und verachtet vom Volke. Alle, die mich sehen, verspotten mich, sperren das Maul auf und schütteln den Kopf…
Psalm 22:7-8

Die Tradition der Kirche hat in diesem Psalm eine erstaunliche Prophetie über das Leiden Christi erblickt. Es ist nicht nur eine vage Vermutung, denn das Neue Testament unterstützt explizit diese Sicht. Das 27. Kapitel vom Matthäusevangelium erwähnt mindestens 4 mal diesen Psalm:

  • der Vers 35 erwähnt zum Beispiel, dass die Kleider Jesu geteilt wurden (Ps. 22,19)
  • der Vers 39 berichtet über diejenigen, die Jesus verspottet haben (Ps. 22,8)
  • im Vers 43 wird Jesus verhöhnt, in dem man ihm empfiehlt, sich wegen seinem Leiden an Gott zu wenden (Ps. 22,9)
  • der Vers 46 zitiert den Aufschrei Jesu: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? (Ps. 22,2) Weiterlesen „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“